Clever lernen – Tag 2: Was Jugendlichen beim Lernen wirklich wichtig ist
Ich habe eine Note 1 bekommen … von Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren.
Zum Abschluss meines Workshops „Clever Lernen“ habe ich die Teilnehmenden gebeten, die Rollen zu tauschen: „Ihr seid es gewohnt, dass eure Arbeit bewertet wird. Heute seid ihr dran, meine Arbeit zu bewerten – ganz ehrlich.“
Was die Jugendlichen dann aufschrieben, hat mich überrascht. Und es sagt viel darüber, was junge Menschen brauchen, um gut zu lernen.
Tag 2: Prüfungen vorbereiten, Angst verstehen, KI sinnvoll nutzen
Am ersten Tag ging es darum, wie Jugendliche leichter ins Lernen starten . Am zweiten Tag wurde es konkreter:
– Was ist für eine Prüfung wirklich wichtig? Mit drei Kreisen haben wir sortiert: Was wird immer gefragt, was manchmal, was eher nicht? Und woran erkenne ich das – an Signalen im Unterricht, an alten Prüfungen, an der letzten Wiederholungsstunde.
– Warum ein bisschen Anspannung hilft – und zu viel Druck schadet. Eine einfache Kurve hat gezeigt, warum Prüfungsangst kein „Versagen“ ist, sondern eine Reaktion des Körpers, mit der man umgehen lernen kann.
– KI als Lernbegleiter statt als Abschreibhilfe: „Erstelle mir 10 Aufgaben vom gleichen Typ.“ „Erkläre mir diesen Schritt einfach, mit Beispielen.“ „Gib mir nicht die Lösung – stell mir Fragen.“
– Und zwischendurch: Bewegung, Snacks und eine kleine Schatzsuche nach versteckten Lerntipps.

Der Rollentausch: Ein Apfelbaum als Zeugnis
Ich habe einen Apfelbaum gezeichnet und gesagt: „Dieser Baum steht für unseren Workshop. Malt an seine Äste Äpfel und schreibt hinein, was euch gefallen hat. Was euch nicht gefallen hat, schreibt in Äpfel, die auf den Boden gefallen sind. Eure Kritik hilft mir, die nächsten Workshops zu verbessern.“
Dann habe ich den Raum verlassen, damit sie sich frei äußern konnten.

Als ich zurückkam, fand ich nur sehr gute Bewertungen – ohne eine einzige negative Anmerkung!
Meine Neigung zum Perfektionismus ließ mich sofort stutzen: Kann eine so positive Bewertung glaubwürdig sein? Oder war es ihnen unangenehm, und sie wollten einfach höflich sein?
Was den Jugendlichen beim Lernen wirklich wichtig war
Erst als ich ihre Worte las, spürte ich Erleichterung – gemischt mit Überraschung:
- „Viele Pausen“
- „Tipps und Tricks zur Motivation“
- „Nicht langweilig“
- „Prüfungsangst erklärt“
- „Immer die Antworten von uns komplimentiert“
- „Du hast alles sehr deutlich erklärt“
- „Immer nett geblieben“

Niemand erwähnte Merktechniken, das Lesen von Sachtexten, Prüfungsvorbereitung oder den Umgang mit KI – obwohl ich dachte, dass genau das das Wichtigste sein würde, was sie aus dem Workshop mitnehmen.
Sie haben auf ihre Gefühle beim Lernen geachtet: wie ihnen etwas erklärt wurde, wie auf ihre Versuche reagiert wurde, und dass sie Zeit zum Ausruhen hatten, ohne dabei stehen zu bleiben.
Vielleicht war ihre wichtigste Entdeckung: Druck und Erschöpfung sind kein unvermeidliches Schicksal beim Lernen. Man kann viel lernen – und dabei auch Freude haben.
Warum Gefühle beim Lernen so viel ausmachen
Als Ärztin weiß ich: Ein Gehirn unter Stress lernt schlecht. Wer Angst hat, etwas falsch zu machen, traut sich nicht zu fragen. Wer erschöpft ist, kann sich nicht konzentrieren – egal, wie gut die Lernmethode ist.
Genau das ist der Kern unserer Arbeit: Wir unterstützen Kinder und Jugendliche dabei, mit weniger Druck, mehr Freude und zunehmend selbstständig zu lernen. Dabei verbinden wir praktische Lernstrategien mit dem Blick auf ihre psychologischen Grundbedürfnisse: sich zugehörig fühlen, die eigenen Fähigkeiten erleben und mitbestimmen können. Wir schaffen einen Rahmen, in dem sie sich sicher und wertgeschätzt fühlen, Fragen stellen, Fehler machen und eigene Wege ausprobieren dürfen.
Was Eltern daraus für zu Hause mitnehmen können
Die Rückmeldungen der Jugendlichen lassen sich gut auf den Alltag übertragen:
1. Anstrengung loben, nicht nur Ergebnisse. Ein ehrliches „Das hast du dir gut überlegt“ macht Mut, weiterzumachen.
2. Pausen einplanen. Kurze, feste Pausen helfen dem Gehirn, Gelerntes zu verarbeiten – sie sind keine verlorene Zeit.
3. Über Prüfungsangst sprechen. Wer versteht, was im Körper passiert, fühlt sich nicht mehr „falsch“ und kann besser damit umgehen.
4. Klar und in kleinen Schritten erklären. Lieber eine Sache verständlich als fünf Dinge auf einmal.
Wenn Lernen zu Hause trotzdem immer wieder zu Streit führt, kann ein Gespräch mit einer neutralen Person helfen.
Der nächste Workshop „Clever Lernen“ in Nürnberg
Wann? Samstag, 14. und 21. November 2026, jeweils 10:00–12:30 Uhr
Wo? Praxis im Jubelhaus, Freiligrathstraße 1, Nürnberg
Für wen? Jugendliche von 11–14 Jahren, max. 12 Plätze
Was kostet es? 160 € inkl. Buch „Clever lernen“ und Material
Sprache: Deutsch – bald auch auf Arabisch, vor Ort und online.